Navigation
Malteser Hospizdienste Dortmund

Erfahrungsberichte


Wie erlebt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin ihre Aufgabe?

Hier ein authentischer Bericht:

"Seit Anfang 2007 bin ich als ehrenamtliche Mitarbeiterin des Kinder- und Jugendhospizdienstes der Malteser tätig. Sehr bald wurde ich gefragt, ob ich unterstützend in der Familie eines schwerstbehinderten Kindes mithelfen würde.
Ich konnte der Familie stützend beistehen, indem ich mich ausgiebig mit dem dreijährigen Mädchen beschäftigte und so die Eltern entlastete. Meist war ich mit ihr auf längeren Spazierwegen unterwegs, da diese Spaziergänge sehr beruhigend auf sie wirkten.

Seit September habe ich eine andere Betreuung übernommen und trage wieder zur Entlastung der Eltern bei. Während ich mich mit den drei Kindern befasse, machen diesmal die Eltern Spaziergänge und genießen das bisschen an gemeinsamer Zeit miteinander.
Diese Art der Unterstützung bringt auch mir viel Freude, wenn man ein Lächeln der Kinder oder auch ein Danke der Eltern bekommt."

 


Hilfe für Familien, die mit dem Tod leben

Karin Fieberg ist ehrenamtlich im Kinder- und Jugendhospiz tätig - und macht Mut, es ihr nachzutun

Karin Fieberg ist leidenschaftliche Hobbygärtnerin, begeisterte Nordic-Walkerin, Gesundheitsberaterin und Leiterin von Kochkursen im Kneipp-Verein.
Hört sich nach einem ziemlich ausgefüllten Leben an? Naja, da ist noch nicht erwähnt, dass die Ehefrau und Mutter zudem hauptberuflich 40 Jahre Kinderkrankenschwester war. Und weil man niemals so ganz aufhört, ist sie seit ihrem Vorruhestand ehrenamtlich beim ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst der Malteser aktiv.

Karin Fieberg hilft gern. Das gehört zu ihrem Naturell. So stand für sie schon vor dem Ausscheiden aus dem Krankenhaus-Dienst fest: „Wenn ich nicht mehr arbeite, dann mach’ ich was mit Hospiz.” Themen wie Sterben und Tod habe sie nie weggeschoben:
„Ich habe auch Bücher darüber gelesen - auch über das Sterben von Kindern.”

Motto: Mitfühlen - ja,
mitleiden: besser nicht.

So machte es endgültig Klick, als sie in unserer Zeitung las, dass Ehrenamtliche für die ambulante Kinderhospiztätigkeit gesucht wurden. Lieber wären mir schon Kinder..., habe sie gedacht. Und meldete sich. Ab Februar 2007 ließ sie sich in einem Kurs ausbilden für die sensible Tätigkeit.
„Intensiv ist das schon, mal sind es Wochenend-Seminare, dann nur einzelne Stunden.” Insgesamt über neun Monate ziehe sich die Ausbildung. So fühle man sich auch nicht hilflos, einfach „losgelassen” auf die betroffenen Familien.
„Ich bin eingeführt worden in die Familie, die ich nun schon fast ein Jahr begleite”, erzählt Karin Fieberg. Ein langsames Rantasten sei es gewesen, ob man miteinander könne. „In meinem Fall bin ich nicht für den 16-jährigen Sohn zuständig, sondern eher als Entlastung für die Familie. Für die Mutter - sozusagen als psycho-soziale Betreuung.”
Mal gehe man gemeinsam spazieren, mal gäbe es Probleme zu besprechen: „Ich bin zu unseren Terminen einfach für sie da, einfach gesprächsbereit.
Als neutraler Mensch. Denn viele können das irgendwann nicht mehr hören: die Leiden des Kindes – oder vom doch stark eingeschränkten Leben der Mutter...”, weiß Fieberg. Sagt es, ohne das zu verurteilen. Bei den beiden Frauen stimmt die Chemie. Und doch sagt Karin Fieberg: „So lange das Kind lebt, wird der Kontakt bestehen. Doch nach einer Trauerbegleitung endet die Betreuung.” Nicht abrupt. Aber dann sei Zeit für eine neue Begleitung.
Das Wort Beziehung gehe zu weit, auch wenn die Kontakte schon sehr ins Private gehen. „Man muss Distanz halten. Es darf nicht zu eng werden.” Karin Fiebergs dargebotene Hilfe steht für sie selbst unter dem Motto: „Mitfühlen - ja, mitleiden - besser nicht.” Eine Art Eigenschutz - „und auch das lernt man”, will sie anderen Mut machen, die vielleicht noch hadern, ob der Hospizdienst für sie das Richtige sein könnte. Oft höre sie in Gesprächen: Das könnte ich nicht!
Gleichwohl erfahre sie sehr viel Positives: „Viele finden es gut, dass ich das mache.” Und sie habe viele tiefe Eindrücke mitgenommen: „Man weiß sehr zu schätzen, wie gut es einem geht.” Das fange schon bei solch alltäglichen Dingen an, wie etwa, dass man frei verfügen könne über die eigene Zeit. Und darin fühle sie sich durch das Ehrenamt bestimmt nicht eingeschränkt: „Die Vorgabe des Hospizdienstes ist einmal pro Woche und maximal drei Stunden.”
Autorin: Ellen Sarrazin

Wir danken der Westfälischen Rundschau für die freundliche Genehmigung, den Artikel abzudrucken.


Nähe braucht keine Patentrezepte

In der Sterbebegleitung bestimmt der Kranke die Tonart
Die beste Medizin ist der ANDERE MENSCH – die BESTE Medizin ist der andere Mensch.
Das ist  keine Kampfansage an die ärztliche Kunst. Es ist ein afrikanisches Sprichwort.
In ihm drückt sich ein menschliches Bedürfnis Schwerkranker und Sterbender aus, nämlich ergänzend zur medizinischen Betreuung auch Mitmenschlichkeit zu spüren, eine warme Hand, die tröstet, eine Schulter, an der man weinen darf, die lebendige Gegenwart eines anderen Menschen, der versucht, sich in Leid und Ängste einzufühlen.

Wer sich der Hospizarbeit verschreibt, bemüht sich, eine Brücke zu sein zwischen den Bedürfnissen eines Sterbenden und der Wirklichkeit menschlicher Möglichkeiten. Es ist allerdings eine BRÜCKE OHNE GELÄNDER.

Denn es gibt kein Patentrezept, an dem der Begleiter sich festhalten könnte, es gibt kein Rezept, das mit wissenschaftlicher Exaktheit definiert, was in einer Sterbebegleitung zu geschehen hat. Es kann dieses Rezept schon deshalb nicht geben, weil der Kranke Tonart und Tempo dieses Duettes zwischen zwei Menschen angibt, und manchmal machen Kranke das so wunderbar, dass auch der Begleiter sich beschenkt fühlt.

Meine erste Begleitung führte mich in ein Einfamilienhäuschen in einer Zechensiedlung am Stadtrand von Dortmund. Der Kranke saß blass und abgemagert auf seinem Pflegebett, das wie eine Insel des Schmerzes zwischen den altdeutschen Wohnzimmermöbeln stand. Mit dem halb gefüllten Katheterbeutel an seiner Seite war er meinem Blick preisgegeben.
Es gab in diesem wichtigen Moment des Kennenlernens eine Komplikation, auf die ich nicht vorbereitet war: er war blind, vorerst nur über die Stimme erreichbar.
Ich bückte mich auf gleiche Augenhöhe zu ihm hinunter und sprach ihn an. Er rückte nach einer Weile andeutungsweise beiseite, klopfte auf die Matratze und sagte: „Setz dich mal da hin, Mädchen.“ Das hätte ich ohne seine Einladung niemals getan. Das Bett ist der letzte Raum der Souveränität, der einem Kranken bleibt. Aber ich werde ihm diesen Vorschuss an Vertrauen niemals vergessen.
Kurz vor seinem Tod wurde er in eine Klinik verlegt, ich besuchte ich ihn dort und war bei ihm, als er starb. Standortwechsel gehört zum Konzept der ambulanten Begleitung, sie findet jeweils dort statt, wo der Kranke sich aufhält, damit die Kontinuität der menschlichen Beziehung erhalten bleibt.

Und so war es auch bei Frau H., die ich auf der Palliativstation des Johannes-Hospitals kennen lernte und später zuerst in ihrer Wohnung und zuletzt im stationären Hospiz begleitete. Sie war Fotografin von Beruf. Und sie schenkte mir eins ihrer Bilder. Es zeigte eine halb geöffnete schmiedeeiserne Pforte, an der sich leuchtend blau die Blüten der Clematis empor rankten. Aber das Bild war mehr als ein künstlerisches Dokument; es war eine an mich gerichtete Frage: gehst du mit bis an die Pforte?

Aber der Weg dorthin war steinig und weit, und er führte über alle wichtigen Stationen ihres Lebens. Selbstverständlich hatte sie diese Stationen mit Fotos dokumentiert. Die Bilderwelt der Fotografin war die Leitplanke, der wir folgten, als sie ihre Lebensgeschichte rekonstruierte und in allen Teilabschnitten wertete.

An einem kalten Tag, an dem ich ihre Hände in meinen wärmte, blickte sie kritisch missbilligend auf die Pigmentflecken, die in der zweiten Lebenshälfte auf ihren Handrücken erschienen waren. Sie erzählte, dass sie die kleinen Male jeweils hautfarben abgedeckt hatte, wenn sie vor ihrer Erkrankung festlich ausgegangen war.
Ich hatte durch Zufall – wenn es denn Zufälle gibt – ein Blatt mit Klebebildern in der Handtasche, und so klebte ich ihr ein rotes Herzchen auf eines der braunen Male. Es klebte auch am nächsten und den folgenden Tagen noch dort, und die Schwestern auf der Station erzählten mir, dass sie sie gebeten hatte, um das Herzchen herum zu waschen. Mit Worten hat sie das mir gegenüber niemals erwähnt. Es sind Symbole und Verschlüsselungen, die in der Sterbebegleitung zur Achtsamkeit mahnen, eine Verständigungsebene, die manchmal neben der Realität liegt und dennoch eine eigene Wahrheit ausdrückt.
Die gegenseitige Zuwendung und oft auch Zuneigung, die unter dem Zeitdruck des näher rückenden Todes wächst, hat ihre eigene wortlose Diskretion.

Damit sie wusste, dass ich auch außerhalb unseres Beisammenseins an sie dachte, hatte ich ihr von einer Messe aus Hannover eine Muschel aus Mozambique mitgebracht, und ich traf sie, als sie endgültig bettlägerig war, zuweilen mit der Muschel am Ohr an, dem Rauschen in dem kleinen Wunderwerkes der Natur hingegeben. In der wortkargen Sprödigkeit ihrer Äußerungen gab es eine Ausnahme, kurz vor ihrem Tod, als sie leise sagte: „Freundinnen sagen DU zueinander“. Davon habe ich bis zu ihrer letzten Stunde, die eine Stunde voller Nähe und Würde war, dankbar Gebrauch gemacht.
Sterbende wachsen ihren Begleitern ans Herz. Man schenkt ihnen ein Herz, nicht nur ein Herzchen aus rotem Glanzpapier.

Meine bisher längste Sterbebegleitung erstreckte sich über einen Zeitraum von einem Jahr und sieben Monaten. Obwohl die Kranke in dieser Zeit mehrfach in verschiedenen Krankenhäusern lag, verbrachte sie den größten Teil dieser Zeit zu Hause. Ein in einer Klinik versorgter Patient muss sich um die Regelung seiner Grundbedürfnisse kaum Gedanken machen. In der ambulanten Begleitung sieht das anders aus.
Wenn Milch und Brot im Haushalt fehlen, die ungebügelte Wäsche sich türmt, das Bargeld ausgeht, wenn die Jalousie streikt und das einfallende Licht die Nachtruhe gefährdet, wenn die Medikamente zu Ende gehen und der Kellerschlüssel unauffindbar wird, ist zumindest der allein lebende Kranke auf Hilfe angewiesen – was läge näher, als die Ärmel aufzukrempeln, auch wenn das nicht zu den originären Aufgaben der Hospizdienste gehört.
Mitmenschlichkeit kann doch nicht nach Satzungen fragen. Aber an allem Anfang und im Zentrum der Begleitung stand das WORT. Zum Beispiel das lebenswichtige gute Wort, mit dem ein lange schwelender Konflikt in der Familie vielleicht zu lösen war, dieses Wort musste gesucht, erarbeitet und zu Papier gebracht werden. Es ging um das Wort der Zusicherung, dass sie der Beständigkeit der Begleitung auch in dunklen Stunden sicher sein dürfe, es ging um das Wort, das ein Halteseil war in den Abgründen von Angst und Wut, um das Wort, das hinausweist über den engen Horizont der täglichen Bedrängnis.

Im Grunde ist Sterbebegleitung Gemeinschaft auf einer Wegstrecke der Normalität, die zu unser aller Leben gehört. Sobald irgendeines fernen Tages diese Einsicht Allgemeingut geworden sein wird, wird diese Welt weniger gestört, aber  menschlicher und liebevoller sein.

Helga Windgassen

 


Zum Bericht über ein Hopsizprojekt, das Familien Kunst nach Hause bringt

Kunstträume am Küchentisch

Ich möchte mich und meine Arbeit gerne vorstellen. Vielleicht kennt mich der ein oder andere schon aus meinem Kurzbesuch der Team- oder Ehrenamtlichentreffen. Mein Name ist Jennifer Weng, ich bin 38 Jahre alt und arbeite als selbstständige Grafikerin und Kunsttherapeutin in Dortmund.
Neben meiner Arbeit als Printgrafikerin, habe ich als Kunsttherapeutin einige künstlerisch-integrative Projekte der Dortmunder Lebenshilfe begleitet, arbeite projektweise an einer psychosomatischen Klinik und arbeite kreativ mit Kindern.

Als im März 2012 Monika Jost mit der Anfrage an mich heran trat, ob ich für den Hospizdienst als Kunsttherapeutin tätig sein möchte, war ich sehr erfreut. Zum einen, weil es so eine wunderbare Sache ist, dass der Dortmunder Zahnärzte e.V. mit einer großzügigen Spende an den Hospizdienst ein künstlerisches Angebot für betroffene Familien bzw. Kinder möglich macht. Und natürlich auch zum anderen, da ich nun diese schöne Idee in die Praxis umsetzen darf. So freudig ich dieser neuen Aufgabe entgegen sah, so machte ich mir auch Gedanken. Denn auch wenn mir die Hospizarbeit, durch ein Studien-Praktikum in einem stationären Erwachsenenhospiz, im Ansatz vertraut war, fragte ich mich, was wohl emotional auf mich zu kommen würde, wenn es um schwer erkrankte Kinder und deren Familien geht.

Jetzt arbeite ich seit fünf Monaten für den Hospizdienst und kann sagen, es ist einiges „Emotionales“ auf mich zu gekommen – und zwar sehr viel Freude. Denn in welche Familie ich auch immer komme, ob ich mit dem erkrankten Kind male, oder mit den gesunden Geschwisterkindern oder mit der Mutter eines erkrankten Kindes – ich habe das Glück einen Entspannungs-Raum schaffen zu dürfen, ganz im kleinen am Küchentisch. Und ich darf erleben wie sich der künstlerisch Schaffende in seine Arbeit vertieft, die Zeit vergisst und einfach Freude am Gestalten hat.

Bei einem Alltag, der an die Familien hohe Anforderungen stellt – sei es an die Eltern, das erkrankte Kind selbst oder auch an die Geschwisterkinder, die gelernt haben, dass ihr kranker Bruder oder die Schwester viel Aufmerksamkeit brauchen – merke ich wie schön es ist, diese Stunde oder anderthalb Stunden bereitstellen zu können, den Tisch mit Kunstmaterial zu decken, zu begleiten und zu ermutigen. Und auch das „Sich-selbst-Wahrnehmen“, das Experimentieren und Spielen und die Achtsamkeit für das eigene Werk, stehen im Fokus der gemeinsamen Arbeit.

Organisatorisch ist es so, dass ich verschiedenste Farben, Pinsel, Papier und auch mal Ton mitbringe und kind- bzw. erwachsenengerechte Themen zum Malen vorschlage.
Bei den Kindern können das Geschichten sein, zu denen wir malen (z.B. Märchen), Anregungen aus der Natur- oder Tierwelt (ein kleiner Zoo oder ein Vulkan entstehen aus Ton). Bei einem Erwachsenen sind es verschiedenste Themen zur Selbsterfahrung und zum Kraft tanken. Dabei führt das künstlerische Arbeiten an sich, das konzentrierte Beschäftigen mit dem Material, schnell zu Entspannung.
 
Zu Anfang begann ich bei jeder Familie mit fünf Terminen, die ihren Abschluss in einem gemalten Bild auf Leinwand zum Thema „Dornröschen“ finden sollten. (Bei einem Benefizkonzert am 11. November 2012, bei dem Tschaikowskys Dornröschen gespielt wird, werden diese Werke neben anderen zu sehen sein). Einige dieser schönen abschließenden Bilder sind schon gemalt und es wurden bereits weitere Kunst-Termine mit einigen Familien vereinbart.

Ich freue mich sehr über diese Aufgabe und erlebe es als große Bereicherung dieses Angebot in den Familien machen zu können. Und nicht zuletzt möchte ich dem Hospizdienst St. Christophorus und seinen herzlichen Mitarbeitern für ihr Vertrauen in meine Arbeit danken.

Weitere Informationen

Unser Spendenkonto: Malteser Hilfsdienst e.V.  |  Pax-Bank  |  IBAN: DE15370601201201216024  |  BIC / S.W.I.F.T: GENODED1PA7